Seit Wochen schon haben deutsche Medien getrommelt und den ersten sozialistischen Staat der deutschen Geschichte (wenn man einmal von der kurzlebigen bayerischen Räterepublik absieht) nach Strich und Faden diffamiert. Westdeutschland als angeblicher Hort der Meinungsfreiheit wurde tagtäglich in Sendungen und Spalten aller Gefässe dem «Unrechtsstaat» DDR gegenübergestellt, dem beiläufig noch ein Bankrott angedichtet wurde. Keine Spur von Reflexion über Wahrheit, Hintergünde und Ursachen. Kein Wort darüber, dass im westdeutschen Teilstaat, wo doch angeblich Meinungsfreiheit geherrscht hatte, über Tausende von Pöstlern, Eisenbahnern und andere Beamte des öffentlichen Rechts ein Berufsverbot verhängt wurde, nur weil sie Mitglied einer kommunistischen Partei waren. Und das im grossen Masse nicht etwa in der «finsteren Adenauer-Zeit», wo Nazis wieder an viele Schalthebel der Macht gelangt waren, sondern in der Aera der sozialdemokratischen Kanzler Brandt und Schmidt! Kein Wort darüber, dass die DDR die deutschen Kriegsschulden gegenüber Sowjetrussland allein berappen musste. Und dass unter diesen Umständen ein Nachkriegswirtschaftswunder eigentlich eher in der DDR als in der Bundesrepublik festzustellen ist. Und das trotz den ständigen imperialistischen Torpedierungversuchen, die schliesslich zum Bau der Mauer geführt haben. Als ob die DDR gegründet worden wäre, um Deutschland zu spalten. Ihre Gründung war die logische Konsequenz der vorherigen Integration der westlichen Besatzungszonen in die imperialistische Weltwirtschaft. Und hätte die Bundesrepublik nicht auf dem Alleinvertretungsrecht aller Deutschen und auf einem mittelalterlichen Blut- und Boden-Bürgerrecht beharrt, statt die DDR-Staatsbürgerschaft zu anerkennen, hätte dies der DDR schon viel früher den Raum gegeben, ihren Bürgern die Ausreise in den andern Teil Deutschlands zu ermöglichen.

Zur breit angelegten Orchestrierung dieses antikommunistischen Herbstes gehört auch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises. Das zeigt sich schon darin, dass fast nichts über die literarischen Qualitäten der Preisträgerin geschrieben wurde, aber sehr viel über die antikommunistische Stossrichtung ihrer Werke, auch wenn diese noch so sehr von nationaldeutscher Selbstbemitleidung triefen, weil Deutsche nach den gewaltigen faschistischen Zerstörungen eine gewisse Zeit zur Wiederaufbauarbeit herangezogen wurden.

Und schliesslich reihten sich in der letzten Woche auch die schweizerischen Medien voll in die Kampagne ein. Fast hätte man den Eindruck gewinnen können, auch unser Land sei zum Anschlussgebiet geworden. Aber freilich, auch hierzulande muss vom grossen Fiasko der Marktwirtschaft abgelenkt werden. Man möchte lieber nicht, dass vom Schnüren von Sparpaketen und dem Vorbereiten einschneidender Sozialabbaumassnahmen gesprochen wird. Da kommt Mauerfalleuphorie und ein günstiger Anlass, sozialistische Alternativen zu verteufeln, sehr gelegen, damit die geplante Überwälzung der gewaltigen Krisenkosten auf das gemeine Volk nicht breiter thematisiert wird.

Aber: Wird die Propagandawalze der letzten Wochen eine nachhaltige Wirkung haben? Die Zukunft wird es zeigen. Eine ausgemachte Sache ist es nicht. Die Menschen könnten sich klüger erweisen als es ihre imperialistischen Ausbeuter sich wünschen. Es geht niemand darum, die DDR und den Realsozialismus zu verherrlichen. Im Gegenteil: Es gilt, sich intensiv mit seinen Defiziten, die sie sich seit dem Chruschtschowschen Revisionismus zunehmend geäussert hatten, wie auch mit seinen Aufbauerfahrungen von bleibendem Wert auseinanderzusetzen. Nur so kann beim nächsten Anlauf zur weltumspannenden sozialistischen Revolution darauf aufgebaut und nur so kann die Wiederholung gemachter Fehler vermieden werden.

Egon Krenz über die Öffnung der Staatsgrenze der DDR am 9. November